Hebephrene Schizophrenie

Die hebephrene Schizophrenie bezeichnet eine Unterform der Schizophrenie. Bei diesem Subtyp stehen Veränderungen des Gefühls- und Gemütslebens im Vordergrund. Wahnvorstellungen und Halluzinationen kommen nur flüchtig und bruchstückhaft vor. Denken und Verhalten können desorganisiert und die Sprache zerfahren sein.

Gefühlsleben

Die hebephrene Schizophrenie führt zu einer Verarmung der Gemütserregungen, also der Affekte, und einer verminderten Fähigkeit, „emotional mitzumachen“. Die Betroffenen reagieren gemütsmäßig nur eingeschränkt auf normalerweise bewegende Ereignisse und erscheinen durch Erfreuliches wie Unerfreuliches wenig berührt. Die normale Schwingungsfähigkeit zwischen verschiedenen affektiven Zuständen wie Freude, Neugier, Trauer, Wut, Stolz usw. geht verloren. Es herrscht eine flache, teilweise resonanzlose Stimmungslage ohne emotionale Wärme vor.

Paradoxerweise kommt es dann aber manchmal wieder zu auffallend läppisch-heiterem oder überhaupt läppischem Benehmen, wie z. B. durch ein nicht nachvollziehbar starkes Lachen und eine Unangepasstheit zwischen äußerer Situation und Reaktion, welches man als inadäquater Affekt bezeichnet. Häufig kommt es bei den Patienten begleitend zu Manierismen und Grimassieren: Zweckmäßige Bewegungen werden dann sonderbar anmutend, unnatürlich-gekünstelt und verschroben ausgeführt.

Sprache und Motorik

Die Sprache der Erkrankten ist oft gekennzeichnet durch Assoziationslockerungen, durch Danebenreden (hier sind die Antworten nur indirekt oder gar nicht mit der Frage verbunden) oder sogar auch bis zur Unverständlichkeit desorganisiert. Die Betroffenen scheinen wirres Zeug oder in einer selbsterfundenen oder fehlerbehafteten Sprache und Grammatik zu reden oder schreiben in teilweise unverständlichen Sätzen. Das psychomotorische Verhalten und die Mentalität sind realitätsabgewandt, wirken autistisch sowie versponnen und erinnern häufig an eine verzerrende Karikatur des Verhaltens Pubertierender. Gerade dieses schein-pubertäre Verhalten wirkt aufgrund seiner Unverschämtheit oft so, als wolle der Kranke sein Gegenüber absichtlich provozieren oder verhöhnen. Die tatsächliche Ursache besteht dagegen darin, dass sich der Betroffene der Verzerrtheit seines Verhaltens gar nicht bewusst ist und deshalb auch keine Hemmung oder Scham deswegen zeigt.

Persönlichkeit und Verhalten

Das Bewusstsein und die Orientierung bleiben meist erhalten. Oft jedoch setzt ein schleichender Verlust der Persönlichkeitsstruktur ein und die Persönlichkeit verliert ihr eigentliches, vor der Erkrankung vorhandenes Wesen. Das zeigt sich unter anderem durch zunehmende Willens- und Entscheidungsschwäche, welches man als Abulie: Diese beruht häufig auf einer als quälend empfundenen Unfähigkeit, die richtigere Entscheidung zu treffen. Oft geht das Denken an die eigene Zukunft verloren, die Erkrankten können nicht mehr arbeiten gehen oder sehen auch keine Notwendigkeit dazu. Die Fähigkeit zur Selbstreflexion und Selbstkritik ist meist ebenso verlorengegangen wie die soziale Kompetenz. Krankheitseinsicht ist meist nicht vorhanden. Andererseits gibt es auch Patienten, denen die Ursache ihres andersartigen Verhaltens sehr wohl bewusst ist bzw. erfolgreich bewusst gemacht werden konnte. In diesen Fällen können die Kranken dann häufig zusätzlich Depressionen erleiden. Aus Verzweiflung neigen einige zur Einnahme von Alkohol und anderen Drogen oder zum Suizid.

Im Vorfeld ist die Persönlichkeit meist schüchtern und einzelgängerisch, aber auch oft intelligent und gewissenhaft. Die Intelligenz bleibt auf gewissen Gebieten erhalten und in besonderen Fällen entwickeln sich sogar außergewöhnliche Fähigkeiten. Kognitive Einbußen sind jedoch mit zunehmendem Alter und fortschreitender Erkrankung möglich.

Diagnose

Im aktuell gültigen ICD-10 wird die hebephrene Schizophrenie unter F20.1 im Kapitel „Schizophrenie, schizotype und wahnhafte Störungen“ gelistet. Für eine Diagnose müssen zunächst die allgemeinen Kriterien der Schizophrenie erfüllt sein.

Die spezielle Diagnose einer hebephrenen Schizophrenie erfordert zusätzlich, dass eine eindeutige und anhaltende Verflachung oder Inadäquatheit des Affekts vorhanden ist. Außerdem können zielloses und unzusammenhängendes Verhalten oder eindeutige Denkstörungen auftreten. Halluzinationen oder Wahn können in leichter Form vorkommen, bestimmen das klinische Bild aber nicht. Die Diagnose einer Hebephrenie sollte in aller Regel nur bei Jugendlichen oder jungen Erwachsenen und erst nach mehrmonatiger Beobachtungszeit gestellt werden.

Ursachen

Wie alle Erkrankungen des schizophrenen Formenkreises ist auch die Hebephrenie eine schwere psychische Erkrankung. Die Ursachen decken sich im Wesentlichen mit denen anderer Schizophrenieformen.

Als entscheidende Ursache der Erkrankung wird verschiedentlich eine neuronale Entwicklungsstörung von einzelnen Bereichen des Gehirns bereits im Mutterleib vermutet. Eine weitere Erklärung für den Ausbruch der Krankheit in der Pubertät (oder etwas später) bietet das Vulnerabilitäts-Stress-Modell, das zwar eine angeborene Anfälligkeit für Schizophrenie  voraussetzt, den tatsächlichen Ausbruch der Krankheit jedoch auf äußere Faktoren wie Stressbelastungen zurückführt.

Verlauf

Der Beginn der Erkrankung liegt zwischen der Pubertät bis zur Mitte des 3. Lebensjahrzehntes, etwa zwischen dem 15. und 25. Lebensjahr. Beim weiblichen Geschlecht erfolgt der Krankheitsausbruch meist etwas später, was höchstwahrscheinlich am schützenden Östrogeneinfluss liegt, der für eine gewisse Verzögerung sorgt.

Die Störung wird aber anfangs häufig nicht erkannt, da Halluzinationen, Wahnideen und katatone motorische Erscheinungen (Bewegungsanomalien) im Hintergrund stehen, den Patienten Imponierverhalten oder Eigenbrötlertum zugeschrieben wird und sie als Sonderlinge angesehen werden.

Therapie

Die medikamentöse Therapie steht im Vordergrund, oft ergänzt durch unterstützende psychotherapeutische Maßnahmen sowie Ergo- und Physiotherapie. Oft ist eine stationäre Therapie nötig.

Antipsychotika wirken besonders gut im Falle der schizophrenen Positivsymptomatik wie bei Halluzinationen oder Wahnideen, wie sie meist beim paranoiden Typus vorkommt. Dort werden als Ursache Gehirnstoffwechselstörungen und Veränderungen im Neurotransmitterhaushalt angenommen. Bei überwiegender Minussymptomatik wie z.B. mangelnde Willenskraft, Freudlosigkeit oder der sog. „dynamischer Entleerung“ sind sie deutlich weniger wirksam. Hier wird vermutet, dass die Krankheitsursache mehr in hirnstrukturellen Veränderungen liegt und auch mit Zellverlusten vor allem im präfrontalen und temporalen Kortex sowie im Hippocampus zusammenhängt.

Prognose

Unter den Subtypen der Erkrankungen des schizophrenen Formenkreises im ICD-10 hat der hebephrene Typus eine eher schlechte Prognose. Der hebephrene Subtyp verläuft in den meisten Fällen chronisch und spricht auf therapeutische Maßnahmen in aller Regel nur gering an.

Auch später noch können Krankheitsschübe auftreten, besonders in Belastungssituationen und unter Stress. Nach jedem Schub besteht jedoch die Gefahr einer irreversiblen Verstärkung von Negativsymptomatik und Persönlichkeitsverlust. Gezielt und unter Aufsicht eingesetzt, können insbesondere atypische Neuroleptika unter Umständen diese Schübe lindern.