Neurasthenie

Die Neurasthenie ist eine in der ICD-10 enthaltene psychische Störung. Sie wird nur noch selten diagnostiziert und spielt in der psychotherapeutischen sowie psychiatrischen Praxis kaum noch eine Rolle, da inzwischen andere Krankheitsbilder wie u. a. Depression und Burn-out beschrieben wurden, welche die Symptome der Neurasthenie umfassen. Sie wird im Deutschen häufig als „reizbare Schwäche“ bezeichnet. Neurasthenie gehörte im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert zu den Modekrankheiten einer gehobenen Gesellschaftsschicht. 

Symptome

Hauptsymptom der Neurasthenie ist die Erschöpfung und Ermüdung, die entweder durch eine zu geringe Belastbarkeit durch äußere Reize und Anstrengungen oder auch durch zu geringe oder zu monotone Reize selbst verursacht sein kann, welches man dann als Boreout-Syndrom bezeichnet. Es treten Symptome auf wie Ermüdung, Ängstlichkeit, Kopfschmerzen, Impotenz bei Männern und Frigidität bei Frauen, Neuralgien, Konzentrationsstörungen, Freudlosigkeit und Melancholie sind daher auch Unfähigkeit zu entspannen, Spannungskopfschmerz und erhöhte Reizbarkeit.

Geschichte der Therapie

In der Gründerzeit wurde die Neurasthenie mittels Kurverfahren nach den Prinzipien des Brownianismus behandelt. Sie wurde von den Betroffenen vielfach als Angelegenheit vitalisierender, rein äußerlicher Anwendungen und Therapieverfahren und nicht als einer persönlichen, inneren Veränderung angesehen. Damit war die Beliebtheit der sich rasch verbreiternden Bezeichnung vorgegeben.

Durch die dynamische Sichtweise der Krankheit unterschied sich die Neurasthenie von irreversiblen durch körperliche Entartung und Endogenität bedingten seelischen Störungen. Eigene psychische Beteiligung wurde somit durch die Betonung des organischen Aspekts der Nervenschwäche als Folge von Erschöpfung ausgeschlossen. Allerdings wurden gesellschaftliche Probleme zunehmend mit in die therapeutischen Betrachtungen einbezogen. Die sich hieraus ergebenden therapeutischen Konsequenzen waren auf Erholung des Nervensystems und Veränderung der Arbeitsbedingungen gerichtet.

Freud war ursprünglich auch Anwender der Reizstrombehandlung. Er grenzte jedoch entsprechend der allgemeinen Auffassung seiner Zeit die Neurasthenie aus seinem späteren Konzept der Neurosen und der bei der Angstneurose wirksamen Signalangst von der Neurasthenie ab. Die Neurasthenie rechnete er zu den Aktualneurosen. Die therapeutischen Konsequenzen folgten einer bei dieser Krankheitsgruppe besonders verbreiteten Einstellung des sozial orientierten Krankheitsgewinns und waren auf die Veränderung äußerer Bedingungen abgestimmt.

Abgrenzung von Neuropathien

Wenngleich der organische Charakter bei der Definition der Neurasthenie ursprünglich im Vordergrund stand, so wurden andererseits doch krankhafte organische Veränderungen der Nerven ausgeschlossen, wie sie durch den Oberbegriff der Neuropathie festgelegt sind. Damit sollte dem Einfluss äußerer Faktoren bei einem ursprünglich gesunden Nervensystem größere Bedeutung zugemessen werden. Insofern entwickelte sich der Begriff zum Sammelbecken organisch nicht recht fassbarer Beschwerden, was er bis zum heutigen Tag blieb.

Heutige Sicht

Es gibt die Auffassung, die Neurasthenie entspreche dem, was heute als Burn-out-Syndrom oder Erschöpfungsdepression bezeichnet wird. Allerdings gibt es hierzu keine abschließenden Untersuchungen, da die Neurasthenie ein in Vergessenheit geratenes Krankheitsbild ist, das quasi nicht mehr erforscht wird. Wolfgang Seidel schrieb 2011 im Vorwort zu seinem Burn-out-Buch:

„Die Neurasthenie galt schon vor 100 Jahren als typische Lehrererkrankung. Sie hatte keinen sonderlich guten Ruf, sondern war eher ein Tabuthema. Kaum einer wird behauptet haben, dass er gerne darunter leide. Das ist ganz anders beim Burnout, der seit etwa 40 Jahren zunehmend häufig diagnostiziert und diskutiert wird. Beim Burnout wird den äußeren Umständen, also besonders den Arbeitsbedingungen ein wesentlicher Anteil am Entstehen zugesprochen. Das löst bei den Menschen Mitleid und Hilfsangebote aus …“