Abhängige Persönlichkeitsstörung

Die abhängige Persönlichkeitsstörung ist gekennzeichnet durch überstarke Trennungsängste, klammerndes Verhalten, geringes Selbstbewusstsein und depressive Grundstimmung. Die Häufigkeit in der Bevölkerung wird auf weniger als 1 % Prozent geschätzt. Andere Bezeichnungen für das Störungsbild sind auch dependente oder asthenische Persönlichkeitsstörung.  Zusätzlich typisch für diese Persönlichkeitsstörung sind mangelndes Durchsetzungsvermögen und geringe Eigeninitiative.

Betroffene Personen fühlen sich schwach, hilflos und inkompetent, weswegen sie häufig ihre Mitmenschen für sich entscheiden lassen. Anderen gegenüber erscheinen sie passiv, unterwürfig und anhänglich. Aus Angst verlassen zu werden, äußern sie Ihre eigene Meinung oft nicht. Anders jedoch als etwa bei Personen mit ängstlich-vermeidender Persönlichkeitsstörung steht bei ihnen das Bedürfnis des Umsorgt-Werdens im Vordergrund.

Beschreibung

Ein Grundproblem der dependenten Persönlichkeit (DP) besteht darin, dass Ambiguitätstoleranz kaum vorhanden ist. Die Ambiguitätstoleranz wird auch als Unsicherheits- oder Ungewissheitstoleranz bezeichnet – sie ist die Fähigkeit, mehrdeutige Situationen und widersprüchliche Handlungsweisen zu ertragen. Dependente Persönlichkeiten besitzen sehr wenig Bezug zu sich selbst; somit mangelt es an Willenskraft. Sie kopieren oft den Willen anderer und setzen ihn dorthin, wo eigener Wille gefragt ist. Es geht ihr dabei nicht um die soziale, emotionale Bindung zu einem Menschen, oder zu bestimmten Menschengruppen, sondern es geht im Grunde um Objekte, es geht um ein Mittel zur Meinungsfindung. Eine emotionale Bindung reicht über die eines Kindes oft nicht hinaus.

Dies weist deutlich auf einen Schock im Kindesalter hin, in dem sich das Subjekt einer Situation anpassen musste, der sie kognitiv nicht gewachsen war (z. B. sexueller, körperlicher oder seelischer Missbrauch, Übernahme von Erwachsenenrollen etc.). Eine Form der sog. Ich-Abwehrmechanismen ist die Abspaltung von sich selbst in bestimmten Momenten und Situationen. Oft ist es eine Form der anhaltenden Demütigung, welche die Betroffene Person durch Abspaltung als Form der Ich-Abwehr versucht, zu meiden, oder besser zu ertragen. DP beschreiben oft einen Zustand des „Abdriftens.“

DP ist oft eine Sekundärdiagnose von Menschen mit einer sogenannten Borderline-Persönlichkeit. Beziehungen sind oft intensiv, aber instabil. Dies liegt daran, dass die DP ein völlig anderer Beziehungsaspekt zum Partner führt, als dies umgekehrt der Fall ist. Der DP ist es mehr oder weniger gleichgültig, wer der Partner ist, weil dieser nicht als Subjekt wahrgenommen, sondern zum Objekt und Garant der Sicherheit wird (ähnlich, wie es einem Schiffbrüchigen egal ist, an welchen Strand er gespült wird). Es wird vom Partner ständig Initiative gefordert, wo es definitiv keine Initiative geben kann und wird. Alle Verhaltensweisen, die sich daraus ergeben, sind symptomatisch für eine Persönlichkeitsstörung „höheren Ranges“. Diese Beziehungen werden sehr bald instabil, da ein wirkliches Interesse für das Subjekt fehlt und somit auch kaum Sensibilität für die Interessen und Befindlichkeiten des Gegenübers besteht.

Es wird zwischen zwei verschiedenen Interaktionsmustern innerhalb der dependenten Persönlichkeitsstörung unterschieden: aktive und passive dependente Interaktionsmuster. Aktiv-dependente Interaktionsmuster sind vor allem lebhaft, sozial angepasst und charmant. es besteht eine Neigung zu dramatischer Gefühlsbetonung. Passiv-dependentes Interaktionsmuster zeichnen sich durch Unterwürfigkeit, Zärtlichkeitsbedürfnis und geringe Anpassung aus.

Diagnoseverfahren

Zur Diagnosefindung eignen sich klinische Interviews. Menschen mit einer abhängigen Persönlichkeitsstörung haben zu Beginn oft keine Krankheitseinsicht und suchen psychologische Hilfe häufig nicht aus freien Stücken auf. Stattdessen folgen sie in der Regel dem Drängen von Angehörigen.[Aus diesem Grund und wegen der symptomatischen Angst vor Ablehnung sollte eine Fremdeinschätzung (z. B. vom Partner oder von Familienangehörigen) ebenfalls in die Diagnostik einbezogen werden.

Im ICD-10

Im ICD-10 (F 60.7) wurden folgende diagnostische Kriterien für die abhängige (asthenische) Persönlichkeitsstörung entwickelt: Die allgemeinen Kriterien für eine Persönlichkeitsstörung (F60) müssen erfüllt sein. Mindestens vier der folgenden Eigenschaften oder Verhaltensweisen müssen vorliegen:

  • Ermunterung oder Erlaubnis an andere, die meisten wichtigen Entscheidungen für das eigene Leben zu treffen
  • Unterordnung eigener Bedürfnisse unter die anderer Personen, zu denen eine Abhängigkeit besteht, und unverhältnismäßige Nachgiebigkeit gegenüber deren Wünschen
  • Mangelnde Bereitschaft zur Äußerung selbst angemessener Ansprüche gegenüber Personen, von denen man abhängt
  • Unbehagliches Gefühl, wenn die Betroffenen alleine sind, aus übertriebener Angst, nicht für sich alleine sorgen zu können.
  • Häufiges Beschäftigtsein mit der Furcht, verlassen zu werden und auf sich selbst angewiesen zu sein
  • Eingeschränkte Fähigkeit, Alltagsentscheidungen zu treffen, ohne zahlreiche Ratschläge und Bestätigungen von anderen.