Induzierte wahnhafte Störung

Eine induzierte wahnhafte Störung, auch Folie à deux (frz. für „Geistesstörung zu zweit“), „gemeinsame psychotische Störung“ (DSM-IV 297.3), „psychotische Infektion“ oder „symbiontischer Wahn“, ist die ganze oder teilweise Übernahme einer Wahnsymptomatik durch einen nahestehenden, primär nicht wahnkranken Partner. Nach einer Trennung verschwindet der Wahn meist bei der vormals gesunden Person. Eine soziale Isolation wird als wichtiger Risikofaktor für das Auftreten der Störung gesehen.

Neuere Studien weisen allerdings darauf hin, dass die gegenwärtigen Klassifikationskriterien unzureichend sein könnten, um alle Erscheinungsbilder einer Folie à deux zu erfassen; dass das Spektrum der übertragbaren Symptome wesentlich größer ist; dass die „vormals gesunde“ Person tatsächlich sehr gefährdet ist, eine psychiatrische Erkrankung zu entwickeln oder bereits an einer signifikanten Störung zu leiden; und dass eine Trennung der Partner in einer großen Zahl der Fälle nicht ausreicht, die Störung zu beheben. Während in 90 % aller Fälle nur ein Partner betroffen ist, sind auch Fälle mit drei oder mehr erkrankten Personen bekannt. Bei zahlreichen Betroffenen spricht man auch von folie à plusieurs oder folie à beaucoups (frz. „Geistesstörung mehrerer Personen“ oder „Geistesstörung vieler Personen“).

Die „induzierte wahnhafte Störung“ ist differenzialdiagnostisch vom „konformen Wahn“ (sich zusammenfügender Wahn) zu unterscheiden, der eine gemeinsame Weiterentwicklung der jeweiligen Wahnsymptomatik bei zwei primär Erkrankten bezeichnet.

Geschichte

Der Begriff Folie à deux wurde von Ernest-Charles Lasègue und Jules Farlet geprägt. Sie beschrieben dieses Phänomen in einem 1877 gemeinsam veröffentlichten Artikel als Wechselbeziehung zwischen den „Psychopathologien verwandter Personen“. Beschreibungen des Phänomens gab es allerdings vereinzelt bereits ab dem 17. Jahrhundert. In deutschsprachiger Literatur waren für das Phänomen im 19. Jahrhundert die Begriffe infektiöses Irresein und induziertes Irresein im Gebrauch. Die gültigen Klassifikationen DSM-IV und ICD-10 benutzen die Begriffe shared paranoid disorder und induced psychotic disorder, beschreiben die Störung aber weitgehend übereinstimmend.