Nägelkauen

Als Onychophagie bezeichnet man das Kauen oder Aufessen der Fingernägel, Krallen oder Klauen bei Menschen oder Tieren. Andere Begriffe dafür sind Fingernagelkauen, Nagelkauen, Nägelkauen, Nägelbeißen.

Beim Menschen fallen die schwereren Formen unter den Begriff „Selbstbeschädigung“, wobei die leichteren, auf Nervosität beruhenden Formen nicht unbedingt zu den Selbstverletzungen gezählt werden. Als Ursachen gelten Stress, Nervosität, Verhaltensstörungen oder nägelkauende Vorbilder. In geschädigten Bereichen ist beim Menschen die Ausbreitung von vulgären Warzen begünstigt. Häufig ist es mit einem Bekauen der umgebenden Haut (Perionychophagie) verbunden.

Exzessives Nägelkauen wurde unter dem Oberbegriff der sogenannten „körperbezogene repetitive Verhaltensstörungen“ untergebracht. Sie ähnelt der Zwangsstörung und zählt vorwiegend unter der Zwangspektrumstörung.

Beim Hund werden chronische Angststörungen für diese Verhaltensstörung verantwortlich gemacht.Bei Schafen ist Onychophagie dagegen keine Selbstbeschädigung, sondern eine Form des Kannibalismus. Hier kann es durch Artgenossen zum An- und Abfressen von Klauen, Ohren (Otophagie) und Schwänzen (Caudophagie) von bis zu einer Woche alten Jungtieren kommen. Beim Hund und bei Schafen wird neben Verhaltensstörungen ergänzend eine Mangelfütterung diskutiert.

Ursachen

Das Fingernagelkauen kann bei Neurosen oder zusammen mit einer Onychotillomanie bei paranoiden Psychosen auftreten. Man findet es auch bei unruhigen, leicht erregbaren und überängstlichen Kindern; dann vor allem in Stress- oder Konfliktsituationen.

Betroffene selbst berichten von Onychophagie unter anderem in Verbindung mit Verhaltensstörungen wie beispielsweise ADHS. Demnach kann das Fingernägelkauen für hyperaktive Menschen eine Bedürfnisbefriedigung in psychischen Ruhephasen oder bei Langweile darstellen. Geistiger Leerlauf löst bei Hyperaktiven eine innere Unruhe, Unlust und Anspannung aus, die es abzuwenden gilt. Ein denkbares Verhalten, um diese negativen Gefühle aufzulösen, ist die Onychophagie.

Wie alle Verhaltensweisen kann auch Onychophagie im Rahmen des Modelllernens erlernt und im Umkehrschluss auch wieder verlernt werden. Insbesondere Kinder können dem Fingernägelkauen verfallen, wenn sich in ihrer persönlichen Umwelt Menschen befinden, die Fingernägel kauen und diese für das Kind ein Vorbild (z. B. nahe Verwandtschaft) darstellen.

Therapie

Allgemein steht die Aufklärung des Patienten im Vordergrund. Ergänzend können in manchen Fällen Psychotherapie oder aber auch lokale Maßnahmen wie das Auftragen von Nagellack oder anderen übel schmeckenden Substanzen sowie das Tragen von Handschuhen und künstlichen Fingernägeln hilfreich sein. Hierbei ist jedoch für den Erfolg entscheidend, dass die Maßnahme freiwillig und in Absprache mit dem Patienten erfolgt. Auch Selbsthilfemaßnahmen wie die Entkopplungsmethode zeigen nach einer kontrollierten Studie Erfolge.

Folgen

Wie bei jeder angewöhnten, negativen Verhaltensweise oder Krankheit gibt es bestimmte Erscheinungsbilder bzw. Folgen. Die Konsequenzen vom Nägelkauen können dabei recht unterschiedlich ausfallen.

Die wohl weitverbreitetsten Folgen der Onychophagie sind enorm verkürzte Fingernägel. Diese selbstzugeführte Verstümmelung wird durch das Knabbern an den Nägeln hervorgerufen. Betroffene reduzieren den natürlichen Nagelwuchs so lange, bis eine permanente Deformierung des Nagels eingetreten ist. Dabei wird nicht selten das Nagelbett und die umliegende Haut in Mitleidenschaft gezogen. Die dadurch entstanden Verletzungen können die Bildung von Pilzen und Warzen, Entzündungen und bakterielle Krankheiten begünstigen. Neben der Zerstörung des Fingernagels können ebenso durch das Schlucken der Knabberreste Magenschmerzen und Verdauungsprobleme auftreten. Darüber hinaus kam es bei Einzelfällen zu einer Fehlstellung der Zähne sowie Zahnfleischentzündungen.

Psychische Auswirkungen

Viele Betroffene sind sich ihrer Problematik durchaus bewusst und schämen sich dafür. Dieses Schamgefühl kann soweit reichen, dass sie ihre Fingernägel kontinuierlich verstecken wollen und dadurch einer großen psychischen Belastung ausgesetzt sind. Unwohlsein wird dabei immer in verschiedene Stufen unterteilt und kann im schlimmsten Fall zu schweren Depressionen führen, da oftmals eine soziale Entkopplung stattfindet.